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Der Traum vom Leben

Autor: Joerg-Christian Schillmoeller
Fotos: Dirk Gebhardt

3. Februar 2015

Ein Erlebnis, zwei Geschichten. Wir haben das Treffen mit den syrischen Flüchtlingen zusammen erlebt, nur unsere Perspektiven waren andere. Daher haben wir die Reportage zweimal, mit verschiedenen Texten geschrieben. Es folgt der Text von Jörg-Christian Schillmöller.

Eine Flüchtlings-WG in Deutschland. Fünf Männer und zwei Jungen aus Syrien. Zu siebt leben sie in der ehemaligen Wohnung eines Hausmeisters. Ibrahim ist 3.000 Kilometer zu Fuß gelaufen und hat dabei sieben Länder durchquert. Bijar hat vier Tage lang im Versteck unter dem Führerhaus eines Lkw ausgeharrt. „Ich bin vor dem Tod geflohen“, sagt er, „und dabei hätte ich leicht sterben können.“ Die Flucht nach Deutschland hat jeden von ihnen mehrere tausend Euro gekostet. Ihre Familien sind alle noch zu Hause, und dort ist Krieg.

Etappe:
Nach 22 Uhr baut Ibrahim Zigaretten. Er sitzt am Tisch und hat einen Haufen Tabak aufgeschüttet, links daneben steht eine Schachtel mit Dutzenden weißen Hülsen. Mit der Stopfmaschine füllt Ibrahim eine Hülse nach der anderen. Er raucht pausenlos. Das tun fast alle hier. Dazu trinken sie Tee mit Zucker und tippen auf ihren Smartphones. Alle paar Sekunden ertönt das glucksende Geräusch einer Textnachricht.
Eines der Telefone liegt auf dem Wohnzimmertisch. Es spielt ein Lied von Sobhi Tawfik. Das ist ein libanesischer Sänger, und jetzt gerade singt er über Aleppo, die Millionenstadt im Norden, die vor dem Krieg als eine der schönsten Städte der Welt galt. 2006 war Aleppo die erste „Kulturhauptstadt des Islam“, die Altstadt ist Weltkulturerbe der UNESCO.

Der Krieg kam im Juli 2012. Der historische Basar brannte kurz darauf fast vollständig aus, das Minarett der Ummayaden-Moschee stürzte im Frühjahr 2013 ein. Bis heute werfen die Soldaten des Assad-Regimes Fassbomben aus Hubschraubern ab – Ölfässer, gefüllt mit Sprengstoff und Nägeln. Auch der IS ist nicht weit. Aus dieser Region kommt Ibrahim.

Sobhi Tawfik besingt Aleppo

Im Wohnzimmer ist jetzt nur die Musik zu hören. Sie hängt in der Luft, das Heimweh ist greifbar. Ibrahim summt mit, manchmal singt er auch ein paar Worte, gedankenverloren, wieder ist eine Zigarette fertiggestopft. Seine Füße wippen im Takt. Er vermisst seine Familie. Seine Mutter, seine beiden Frauen, seine sieben Brüder, seine fünf Schwestern. Sie sind alle in Syrien. Alle zwei Wochen erreicht er sie über das Internet. Er würde sie sofort nach Deutschland holen. Er weiß aber nicht, wie.
Wir wollten seit Beginn unserer Wanderung bei Flüchtlingen übernachten. An diesem milchigen Winternachmittag stehen wir vor dem Anbau einer Turnhalle und klingeln. Ein junger Mann öffnet uns, er heißt Salar. Drinnen riecht es lecker, nach gedünsteten Zwiebeln und Fleisch. Der Bürgermeister hat der WG etwas Geld gegeben, davon haben sie in der Nachbarstadt im Orientladen für uns eingekauft.

Salar kann kochen. Seine Familie hatte bis vor kurzem mehrere Restaurants in der Heimat. Gefülltes Lamm und Fleisch vom Grill haben sie serviert, und Mansaf, das ist Lammfleisch in Joghurt-Sud, auf Reis und Bulgur, mit Mandeln und Pinienkernen. „Bei uns gab es nur orientalische Küche“, sagt er und zeigt uns Videos aus dem Restaurant: Luxus pur, mit Brunnen und Garten.

Für uns hat Salar einen Damaszener Salat gemacht (das schmeckt man an der Zitronen-Vinaigrette). Er hat ein Huhn gekocht, dazu gibt es eine Zwiebelsoße und Linsensuppe. Reis und Bulgur gibt es sowieso immer. Wir essen schon um halb sechs. Draußen ist es fast dunkel, drinnen ein langer Tisch im Neonlicht, darauf in bunten Farben das syrische Abendessen. Zum Nachtisch essen wir Obstsalat mit Honig und Sprühsahne.

Salars Familie ist noch in Damaskus. Seine Frau und seine kleine Tochter warten darauf, aus dem Land herauszukommen. Salar ist über die Türkei geflohen. Beim ersten Mal erwischte ihn die Polizei und schlug ihn ohnmächtig. Beim zweiten Mal kam er mit Mîrza und Amal bis Istanbul durch. „Es gibt viele Schleuser in der Türkei“, sagt er. Gezahlt haben sie 9.000 Euro. Jeder von ihnen.

Die Flucht nach Deutschland – Zu Fuß 3.000 KM

Nach dem Essen sitzen wir auf dem Sofa. „Mister Hans hat uns sehr geholfen“, sagt Amal. „Mister Hans“, der Name fällt öfter. Er ist ein Bürger aus der Gemeinde. Mister Hans kam am ersten Tag in die leere Wohnung und fragte: Was braucht ihr? Danach kümmerte er sich. Auch die Stadtverwaltung tat, was sie konnte – die Mitarbeiterin vom Amt für Jugend, Bildung und Soziales macht ihren Job schon seit 20 Jahren. Sie organisierte auch, dass wir hier schlafen dürfen. Unbürokratisch, fast selbstverständlich.
„Wir müssen die Strukturen für die Flüchtlinge erst wieder aufbauen“, sagte sie. Wieder – das heißt: Das Personal wurde abgebaut, als die Zahlen vor ein paar Jahren stark zurückgingen. Heute fehlen die Mitarbeiter – und die Stadt ist froh, dass inzwischen ehrenamtliche Willkommensinitiativen den Menschen mehr bieten können als ein Dach über dem Kopf und die staatlich vorgeschriebenen Leistungen.

Sprachkurse zum Beispiel. Bijar ist seit kurzem als Flüchtling anerkannt und hat angefangen, Deutsch zu lernen. Er will möglichst bald wieder als Elektriker arbeiten. Geflohen ist er im unter dem Lkw. Die Schleuser hatten unter dem Führerhaus einen Verschlag aus Metall gebaut. Es war gerade Platz für zwei Personen. Nachts durften sie für ein paar Minuten raus, schnell was essen und zur Toilette – und dann wieder hinein in den Verschlag.

„Ich hatte Angst ohne Ende“, sagt Bijar. „Das kriegst du nicht aus dem Kopf. Aber wenn ich in Syrien geblieben wäre, dann wäre ich wohl schon tot. Oder ich hätte kämpfen müssen.“ Solche Geschichten erzählt jeder von ihnen. Geschichten von Assad, von der Freien Syrischen Armee der „gemäßigten“ Rebellen – und vom IS, den sie alle „daesh“ nennen – ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben auf Arabisch.

Sie erzählen davon, wie Assads Armee aus der Luft angreift, und die Islamisten des IS am Boden. Wie der IS das Nachbardorf stürmt. Wie die Extremisten vorgeben, im Namen des Islam zu handeln. Und jemandem zwei Finger brechen, nur weil er raucht. Es sind Geschichten von Entführung, Folter und Mord. Mîrza nennt den Tag im Sommer 2013, als der IS seinen Vater tötete. Ibrahim sagt, auch in seiner Heimatstadt sei der IS an der Macht. „Die Kinder können nachts nicht schlafen. Und die Islamisten ermorden jeden, der etwas gegen sie sagt.“

Sie sagen solche Sätze ohne Hass in der Stimme. Umso deutlicher hört und sieht man ihnen die Angst an. Die Angst um ihre Familie. Und ihre Ratlosigkeit. Was geschieht mit ihrem Land? Was wollen die Islamisten? „Es sind viele Kämpfer aus dem Ausland hier“, sagt Ibrahim. Woher? „Tschetschenien“, sagt er. Er nennt noch mehr Länder. Dagestan, Kasachstan, Irak, Afghanistan. Ganz zu schweigen von Frankreich, Deutschland, Großbritannien.

Flucht unter einem LKW

„Sobald die herausfinden, dass du Kurde bist, ist dein Blut nichts mehr wert“, sagt Bijar. Fast alle hier in der WG sind Kurden. In Syrien waren vor dem Krieg je nach Schätzung bis zu 15 Prozent der Bevölkerung kurdisch, das sind mehr als zwei Millionen Menschen. Viele hatten keinen Pass, viele wurden verfolgt. Die meisten sind Sunniten und leben im Norden und Nordosten des Landes. Kurden – bei dem Wort denkt man an Kobane an der türkischen Grenze, eingekesselt vom IS, verteidigt von kurdischen Kämpfern.

Unser Gespräch ist ein Puzzle aus Sprachen. Erst nach dem Abendbrot bekommen wir Unterstützung von einem Verwandten, der schon länger in Deutschland gelebt hat und für uns übersetzt. Vorher und nachher reden wir ein bisschen Englisch und helfen uns mit Übersetzungsprogrammen auf dem Smartphone. Immer wieder kommt einer von ihnen, zeigt auf sein Display, und da stehen dann unter den arabischen Schriftzeichen deutsche Sätze wie „Diktatur, Ungerechtigkeit und Korruption führten zu Armut und Extremismus“. Das schreibt Mîrza, er ist 15.

Irgendwann ist der Rauch im Wohnzimmer so dicht, dass wir auf die Terrasse gehen, um Luft zu schöpfen. Es ist kalt draußen. Und da stehen dann zwei von ihnen. Der eine gestikuliert und erzählt mit bewegter Stimme auf Arabisch, der andere versucht zu dolmetschen. Vieles verstehen wir ohne Worte, da genügt ein Blick in die Augen. Bei manchen Details ist es auch gut, sie nicht zu verstehen. Es sind grausame Details.

Syrische Frühstückssuppe

Was wird aus Syrien? Die Frage klingt so einfach. „Der Wiederaufbau wird 50 Jahre dauern“, sagen sie. Aber sie haben alle konkrete Pläne. Ihre Familien in Sicherheit bringen, Deutsch lernen, hier arbeiten. „Wir können doch alle was“, meint Ibrahim. „Und das geben wir gerade Deutschland. Nach dem Krieg, da gehen wir heim, und die deutschen Firmen kommen und investieren. Und wir können dann eines Tages wieder auf eigenen Füßen stehen.“

Alle wollen sie zurück. Lieber heute als morgen. Und alle wissen sie, dass das noch Jahre dauern kann. Ihre Hoffnung haben sie nicht verloren. Wir sind beeindruckt von ihrer Menschlichkeit, von ihrem Humanismus. Ihnen geht es nicht um Rache. Ihnen geht es um ihre Heimat, um Frieden, und sie wünschen sich, dass Deutschland und Europa ihnen dabei helfen.

Am nächsten Morgen gibt es ein Frühstück, das wir noch lange in Erinnerung behalten: Bohnensuppe mit einem Gläschen Olivenöl pro Teller. Herzhaft ist noch untertrieben. Wir hören jetzt Feiruz, die weltbekannte Libanesin, deren Musik jeder Syrer morgens hört. Dann lassen wir die sieben zurück in der Hausmeisterwohnung und der Obhut von Mister Hans.

Traditionelle kurdische Musik

Es ist Dirk, der mich bittet, einen Satz aufzuschreiben. Einen Satz, den einer von ihnen gesagt hat. Er mag pathetisch klingen, aber er spiegelt die unerschütterliche Hoffnung dieser sieben Flüchtlinge wider: „So lange der letzte gute Mensch nicht verschwunden ist, ist noch nicht alles verloren.“


Wir haben auf Wunsch der sieben Syrer alle Namen geändert und verzichten auf sämtliche Ortsbezüge, um die Familien zu schützen. Den Text von Dirk Gebhardt könnt ihr hier lesen.

Ein Kommentar

  1. Michael Hoeldke 1. März 2015 um 15:39 Uhr- Antworten

    Wahrscheinlich ist Euer Bericht ein größerer Dienst an der der Sache der Flüchtlinge als die üblichen Mittel wie Petitionen oder Demos. Dies ist ein guter Teil Heimatkunde! Danke beiden Autoren.

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