Kontakt

Ihr wollt mit uns wandern? Habt eine gute Geschichte auf einer unserer Etappen? Oder möchtet uns eure Anregung oder Kritik mitteilen. Sendet uns bitte eine E-mail: kontakt@einjahrdeutschland.de

Ringelnatz und Hund

Autor: Joerg-Christian Schillmoeller
Fotos: Dirk Gebhardt

11. September 2015

In Wurzen gibt es zwei Künstler. Der eine ist einer der berühmtesten und witzigsten deutschen Dichter, Maler und Seefahrer. Der andere ist nur Maler. Aber einer, der sich nie verbogen und dafür in der DDR teuer bezahlt hat. Der erste ist Joachim Ringelnatz, der zweite Hans-Peter Hund. Beide sind in Wurzen geboren, einer kleinen Stadt in Sachsen, die lange schon gegen den Ruf kämpft, ein Hort der Rechten zu sein. Darüber ist viel geschrieben worden. Wir wollen über das andere Wurzen schreiben. In der Altstadt stehen zwei Häuser: Das Geburtshaus von Ringelnatz und das Haus am Markt, in dem Hans-Peter Hund lebt. Beide Häuser sind sehr alt und haben viel erlebt. Die Geschichte des Ringelnatz-Geburtshauses ist ärgerlich. Die Geschichte von Hans-Peter Hund ist unvergesslich.

Etappe:
Wir haben keine Ahnung, was uns erwartet. Wir stehen in der Mittagshitze vor einem Haus am Markt, gegenüber vom CDU-Ortsverein. Das Haus ist alt, 16. Jahrhundert, und wir wollen hinein. Anrufen können wir Hans-Peter Hund nicht, denn er hat kein Telefon. Wir hätten ihm schreiben können, aber wir wissen erst seit gestern, dass es ihn gibt. Sabine Jung hat von ihm erzählt, sie leitet das Kulturhistorische Museum zwei Straßen weiter. „Gehen Sie hin, versuchen Sie es“, hat sie gesagt. Wir klingeln. Und warten nicht lang. „Hallo?“ fragt eine Stimme durch die Sprechanlage. Ich erkläre, wer wir sind. Die Tür summt.

Eine Treppe höher steht Hans-Peter Hund, Jahrgang 1940. Er trägt eine Cordhose und ein weißes Feinripphemd, darüber ein kariertes Oberhemd. Seine grauen, schütteren Haare liegen ganz glatt um seinen Kopf herum und sehen immer so aus, als hätte er sie gerade gekämmt. Hans-Peter Hund bittet uns hinein. Bevor wir viel sagen können, sagt er uns, dass er sich nicht imstande sieht, ein Interview zu geben. Wir spüren: Es ging ihm schon besser. Doch wir bleiben dann fast zwei Stunden, und er erzählt uns sein Leben.

Joachim Ringelnatz heißt eigentlich Hans Bötticher und ist in Wurzen geboren, so wie Hans-Peter Hund. Hund hat fast sein ganzes Leben lang hier gewohnt. Allerdings ist er viel gereist: Prag, Wien, Venedig. Die Familie Bötticher hat Wurzen verlassen, als Hans noch ein kleiner Junge war. Geblieben ist Wurzen nur der Name Ringelnatz. Wer die Seite www.wurzen.de anklickt, sieht das markante Profil des Dichters und liest: „Ringelnatzstadt Wurzen“. Das ist eine Ansage. Das ist ein Erbe. Wäre da nur nicht das Geburtshaus.

Hans-Peter Hund setzt sich auf sein Sofa. Die Vorhänge sind zugezogen, das Sonnenlicht von draußen ist milchig. Aber die Bücher! Um uns herum stehen und liegen sie, es sind dutzende, hunderte, drüben im Regal, vor uns auf dem Boden. „Künstler im Muldentalkreis“ steht auf einem. Im Regal viele Reiseführer, ich erkenne Venedig. Auf dem Tisch liegen Briefe, handgeschriebene Briefe. Analoge Post, alte Schule. Mittendrin sitzt der Maler. Sich selbst nennt er einfach Hund. Er sagt ganz selten „ich“. Er sagt meistens „man“. Oder eben „Hund“.

Hans-Peter Hund über das Regime

Hund spricht langsam, seine Füße wippen, er reibt die Daumen aneinander. Er hat in Potsdam studiert und danach die Entscheidung getroffen, in der DDR als Maler zu leben. Seine erste Ausstellung war 1963. Und die Genossen hatten Probleme mit ihm. „Meine Motive waren falsch“, sagt er. „Und die Farbigkeit war ihnen zu dunkeltonig.“ Er malte den Straßenkehrer Wilhelm, ein stadtbekannter Mann damals in Wurzen. Eigentlich ideal für den sozialistischen Realismus. Nur malte Hund ihn nicht so, wie er sollte. Sein Wilhelm schaut ernst, fast grimmig, sehr ausdrucksstark, und auch noch in düsteren Farben. Hund entscheidet sich früh. Er bleibt bei seiner Linie. Er bleibt Hund.
Joachim Ringelnatz hätte das gefallen. Er wusste, was Schikane ist. Er war ziemlich klein, und wollte unbedingt Seemann werden. Über die Prügeleien und Strafen an Bord kann man viel nachlesen. In Wurzen ist dem Dichter und Maler ein Raum gewidmet – ein „Kabinett“ im Kulturhistorischen Museum. Das ist ein herrschaftliches, altes Stadthaus in der Domgasse. Schon Napoleon schlief dort, bevor er am nächsten Tag die Völkerschlacht in Leipzig verlor. Anders als das Geburtshaus von Ringelnatz ist das Museum in der Domgasse in einwandfreiem Zustand.

Die Museumsleiterin zeigt uns das Ringelnatz-Kabinett. Da liegt ein dunkelblauer Seesack aus robustem Stoff, der an Jeans erinnert. Darauf steht der Name „Bötticher“. Solche Fundstücke sind selten, viele Seemänner warfen ihre Säcke lieber ins Hafenbecken, damit der Zoll sie nicht bekam (und die schönen Mitbringsel darin). Auf einem Bildschirm läuft ein Video, in dem Ringelnatz in Schwarz-Weiß eines seiner schönsten Gedichte rezitiert. Rezitieren kann er. Verschmitzt, selbstbewusst, fröhlich sagt er:

Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
Still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei,
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
Gegen den Wind an den Baum,
Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.

Sabine Jung über das Ringelnatz-Geburtshaus

Hund erzählt uns von Prag. Dorthin durfte er reisen. Er hörte klassische Konzerte, die Berliner Philharmoniker vielleicht, es war Frühling in Prag, Prager Frühling. Sie bedeuten ihm viel, seine Studienreisen. Irgendwann in den Siebzigern sagt Hund sich: Ich möchte auch in das nicht-sozialistische Ausland. Ich will nach Österreich reisen, und ich gebe mir zehn Jahre Zeit, um das zu schaffen. Aber er scheitert am Regime. Er bekommt die Erlaubnis nicht. Daraufhin beschließt er, eine Rede zu halten. Seine erste Rede, vor dem Verband Bildender Künstler, Bezirk Leipzig. Das war 1984. Uns stockt der Atem. Denn es sollte eine Rede werden, die sein Leben veränderte.

Sabine Jung mag Ringelnatz. Wenn sie von ihm erzählt, spürt man, dass sie durch und durch Kulturfrau ist. Seit 2010 ist sie in Wurzen Museumsleiterin, und sie trat an mit dem erklärten Ziel, das brachliegende Geburtshaus von Ringelnatz wiederzubeleben. Das Haus liegt am Crostigall 14 am Rande der Altstadt und ist uralt, die ersten Zeugnisse datieren auf Barock, frühes 16. Jahrhundert. Sabine Jung wollte ein Ringelnatz-Museum draus machen. Nach der Sanierung.

Hans-Peter Hund über seine Rede 1984

Denn das Haus ist in desolatem Zustand. Der letzte Mieter ist ausgezogen. Die Wände sind feucht. Dach, Keller und Fassade müssen dringend gemacht werden. Nur dass die Sanierung zu teuer ist, es geht um 800.000 Euro, und so viel hat die Stadt nicht, trotz aller Förderanträge. Sabine Jung ist frustriert nach fünf Jahren. Sie sagt uns, sie habe ihre Pläne für ein Museum schon geändert – in „Gedenk-, Forschungs- und Begegnungsstätte“. Da seien die Auflagen nicht so streng. Aber das Geburtshaus sei und bleibe die Basis, betont sie. Das Herzstück eben. Das aus ihrer Sicht für die Ringelnatzstadt leider nicht an erster Stelle steht.

Hund holt Luft. Jetzt hält er seine Rede. Er fällt zurück ins Präsens, während er uns erzählt. Er hat vor der Rede damals mit niemandem gesprochen. Er hebt an. Er legt den versammelten Künstlern und Funktionären seine Situation dar. Er stellt klar, dass er wohl niemals nach Österreich reisen werde. Aber dass er einige seiner Arbeiten über den DDR-Kunsthandel verkauft und nun eine Summe angespart habe. Es ist still im Saal. Und Hund sagt etwas Unerhörtes: Er stiftet sein ganzes Erspartes der Verbandsleitung, damit es „einem würdigen Kollegen ausgehändigt wird“. Er zückt den Briefumschlag, was für eine Geste. „Das war die Chance“, sagt er uns, „aus dem Rennen zu scheiden und dabei aber eine gewisse Zufriedenheit zu bewahren.“ Es gibt viel Zuspruch nach der Rede. Vom Verband hört er ein Jahr lang nichts mehr.

Der Oberbürgermeister von Wurzen heißt Jörg Röglin. Er ist parteilos und hat gerade den „Tag der Sachsen“ hinter sich gebracht. 250.000 Menschen zu Besuch. Ministerpräsident Stanislaw Tillich kam zur Eröffnung. Und, so hören wir, er soll auch zum Geburtshaus von Ringelnatz gegangen sein. Sabine Jung vom Kulturhistorischen Museum hat ihn mehrfach darum gebeten. Tillich soll sehr diplomatisch geblieben sein. Er soll erklärt haben, nun ja, dass viel Arbeit in dieses Haus hineinzustecken sei. Was soll er auch sagen. Ich rufe Jörg Röglin in Wurzen an. Als wir in der Stadt waren, platzte unser Termin bei ihm, trotz Zusage. Aber jetzt habe ich ihn am Telefon.

Hans-Peter Hund bekommt Besuch. Ein Jahr nach seiner Rede stehen zwei Menschen vom Verband Bildender Künstler der DDR vor der Tür und eröffnen ihm, dass er nun seine Reise machen dürfe. Übrigens nicht nur Österreich, sondern eigentlich überall hin. So ist Diktatur. Logik gibt es keine. Hund ist vollkommen perplex, erbittet sich Bedenkzeit. Am Ende sagt er Ja. Und fährt nach Österreich. Hat er jemals dran gedacht, ganz und gar auszureisen, also für immer? „Nee“, sagt er. „Nie.“ Er fährt nach Österreich, er malt, er kehrt zurück. Auch 1989, kurz vor der Wende, ist er wieder in Österreich. Diesmal wagt er mehr. Er besorgt sich einen Pass, er riskiert es, er will diese eine Stadt sehen. Heimlich fährt er nach Venedig, das ist sein Lebenstraum.

Ringelnatz ist in Wurzen allgegenwärtig. „Wir tun viel“, sagt Jörg Röglin. Es gibt das Kabinett im Museum. Es gibt einen Ringelnatz-Pfad durch die Stadt. Einen Brunnen auf dem Markt. An diversen Giebeln sind Zitate des Dichters zu lesen. Es gibt sogar den „Wurzener Ringelnatzlauf“, 200 Meter bis 10 Kilometer, je nach Alter. Eine Apothekerin und ein Unternehmer sponsorn zum Tag der Sachsen eine Münze mit Konterfei. Nur das Geburtshaus, das kriegen sie in Wurzen nicht hin. Das geht schon zwei Jahrzehnte so.

„Wir wollen das Gebäude ja sanieren“, sagt Jörg Röglin. „Aber als Stadt können wir nur das Haus erhalten. Es muss dann von anderen mit Leben gefüllt werden.“ Die anderen, das sind zum einen die Vereine. Der Ringelnatz-Verein, der Förderverein „Kultur hoch 3“. Und natürlich Sabine Jung vom Kulturhistorischen Museum. Nur: Der OB ist mit dem bisherigen Konzept für das Haus nicht zufrieden. Das sagt er auch. „Das Konzept vereint viele Vorstellungen, aber es ist aus meiner Sicht so nicht umsetzbar. Wir brauchen etwas Machbares, etwas Realistisches. Etwas, das auf viele Schultern verteilt wird.“ Sabine Jung sieht genau das kritisch: Es gibt zu viele Köche, die mitreden wollen, sagt sie. Das Ergebnis ist Stillstand. Ringelnatz dichtete einst: „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.“

Hans-Peter Hund über seine erste Venedigreise

Hans-Peter Hund zeigt uns sein Atelier. Wir gehen hinüber von seiner Wohnung, es ist die gleiche Etage, er hat dort noch eine zweite Wohnung. Eine Arbeitswohnung. Das Atelier ist ganz weiß und hell, viel heller als sein Wohnzimmer drüben. Auch hier sind die Vorhänge zugezogen, aber das Licht dringt durch. Überall stehen Trockenblumen, hier ein Strauß, da ein Strauß, es sind Hagebutten dabei. Rechts steht die Staffelei. Wir setzen uns. Hans-Peter Hund hat auf einem Stuhl die Aquarelle zusammengestellt, die Ende September in Wurzen zu sehen sind. Er hat wieder eine Ausstellung. Heute sagt keiner mehr, er sei zu dunkeltonig.

Hans-Peter Hund zeigt uns seine Aquarelle von Italien. Er hat seinen Stil weiterentwickelt. Es ist genau das passiert, was das DDR-Regime nie geschafft hat. Italien und das Licht dort haben ihn verführt. Er ist immer weiter nach Süden gereist. Und seine Bilder sind mit der Zeit heller geworden, sie wirken nicht mehr wuchtig, düster, sondern transparent, schwebend. Die Farben erinnern an Nordafrika.

Wurzen. Zwei Häuser, zwei Künstler. Hans-Peter Hund lächelt. Es ist das schönste Geschenk, das er uns machen konnte. Wir bekommen jeder einen Briefumschlag mit Postkarten darin, es sind seine Aquarelle: Italien. Venedig, San Gimignano. Wir verabschieden uns, treten hinaus in das Sommersonnenlicht, das jetzt nicht mehr von Vorhängen gedämpft wird. Hund ist Hund geblieben, ein Leben lang. „Dass das hier keiner haben wollte, das hat mich weniger beeindruckt“, sagte er. Er hat durchgehalten. Auch Ringelnatz braucht wohl noch etwas Geduld mit Wurzen, bevor – wer weiß – in seinem Geburtshaus einst die Aquarelle von Hans-Peter Hund ausgestellt werden.

„Italien – Aus verspäteter Sicht, Studienaufenthalte aus 1992-2013“
Ausstellung Hans-Peter Hund – Zum 75. Geburtstag vom 27.9. bis 06.12.2015

Eröffnung:
Sonntag, 27.09., 11:30 Uhr

Öffnungszeiten:
DO-SO 14:00-18:00 Uhr

Eintritt: 3,00 €
Städtische Galerie „Am Markt“
Markt 1
04808 Wurzen

Ein Kommentar

  1. Michael Hoeldke 13. September 2015 um 21:19 Uhr- Antworten

    Hans Peter Hund hat viele Verletzungen abbekommen. Man stelle sich vor, man schreibt was, man malt was oder man singt was. Und so ein subalterner Funktionär teilt einem mit, was man gedacht oder gemeint haben soll. Und fordert Wohlverhalten ein: Man soll dessen Gedanken denken. Und sich von den eigenen trennen. Ein unvorstellbarer Schmerz. Was ich so an ihm bewundere: Niemand hat ihn gebrochen. Chapeau!

Hinterlassen Sie einen Kommentar