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Der Landarzt und der Holzhauer

Autor: Joerg-Christian Schillmoeller
Fotos: Dirk Gebhardt

18. März 2015

Michael Waltenberg und Hubertus Gilsbach. Zwei Männer und der Wald. Der eine ist Arzt und Jäger, der andere fällt Bäume und macht Wärme daraus. Der eine trägt um den Hals sein Stethoskop, der andere eine Krawatte aus Holz. Michael Waltenberg sucht einen Nachfolger für seine Praxis, Hubertus Gilsbach beliefert seinen Freund mit Hackschnitzeln für die Biomasse-Anlage. Beide leben in Oberkirchen. Das ist ein Fachwerk-Dörfchen im Sauerland. Weil es im Tal liegt, sagen die Menschen „hier unten“. Sie sagen es selbstbewusst. Denn „oben“ – dort liegen der Kahle Asten und Winterberg, und das ist eine andere Welt.

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Oberkirchen , Villa Forest
Der Server summt. Wir sind im Keller der Praxis. Hier liegt die Krankengeschichte einer ganzen Region. Ein langgezogener Holzschrank, ein Metallregal voller Aktenordner und der große Computer. Schilddrüsenkrebs und verstauchte Zehen. Michael Waltenberg kennt alles, er kennt alle Menschen, alle Familien, alle Geschichten. Nur kurz setzt er sich für das Foto auf den Schreibtischstuhl. Er ist lieber in Bewegung, erst recht seit seinem Schlaganfall vor gut einem Jahr. Er hat die Arbeit schon reduziert, er kann einfach nicht mehr. Und er findet keinen Nachfolger.
920: die Zahl sagt viel über eine Landarztpraxis im Sauerland. Es ist gerade Mitte Februar, und 920 Patienten waren dieses Jahr schon da. Die Menschen kommen nicht nur aus Oberkirchen, sie kommen auch aus Westfeld, Nordenau und dem Sorpetal. Früher hat Michael Waltenberg in der Gegend auch den Notdienst gemacht. Er hatte ein eigenes Blaulicht für sein Auto. Und ein Martinshorn.
Hubertus Gilsbach hat den 50. Geburtstag in einem Badezuber verbracht. Heute heißt das „hotpot“, und er schreibt es westfälisch: „Hot Pott“, mit doppel t. Hubertus Gilsbach kniet vor uns im Schnee vor einem der beiden Öfen. Der Bottich kommt aus Finnland. Er hat sechs Ecken und einen Durchmesser von knapp drei Metern. Drinnen blaue Folie, Sitzbänke und ein weißes Plastikpaddel mit Holzgriff, zum Umrühren.
Als Hubertus Gilsbach 50 wurde, waren draußen minus 14 Grad. Drinnen im Bottich hat er das Wasser auf plus 44 erhitzt. Gefroren hat niemand. Heute gibt es für die Feriengäste in der „Villa Forest“ extra Schlapphüte aus Filz, die aussehen wie der Sprechende Hut von Harry Potter. Sie halten den Kopf warm, weil der als einziges Körperteil aus dem heißen Wasser ragt. Wer Hubertus Gilsbach beim Anfeuern zuschaut, versteht sofort: Es gibt etwas, das dieser Mann richtig gut kann: Holz.
Hubertus Gilsbach
Dr. Michael Waltenberg mit seinem Dackel auf seiner Terasse.
Michael Waltenberg ist 68. Er hat immer gearbeitet, erst im Krankenhaus, dann als Landarzt. Er wollte das machen, er wusste, worauf er sich einlässt. „In der ersten Zeit war ich 24 Stunden erreichbar“, erzählt er. „Das haben wir nach zehn Jahren etwas gelockert und uns die Wochenenden geteilt. Als ich dann das erste Mal wieder auf dem Hochsitz saß, hatte ich ein schlechtes Gewissen, dass ich für meine Patienten nicht da bin.“

Die Jagd ist sein Ruhepol, sie ist es immer gewesen, er geht seit mehr als 50 Jahren in den Wald. Er hat einen Steinbock in der Mongolei und einen Wasserbüffel in Südafrika geschossen. Und daheim in Deutschland natürlich Rotwild, Schwarzwild, Rehwild. Das Revier ist 20 Hektar groß und zehn Autominuten entfernt.

Seine Praxis sehen wir ohne Patienten, es ist Mittwoch Nachmittag, keine Sprechstunde. Hinter dem Eingang der Empfangstresen mit einem Mini-Stehtisch für den Doktor. Links herum das Sprechzimmer, rechts das Wartezimmer, danach in einer Flucht die Behandlungszimmer. Überall hängen Jagdbilder. Ein paar Stufen hinauf: noch mehr Räume. Dort hat er früher die Magen- und Darmspiegelungen gemacht, er tat das gern, er hatte Übung.

Hubertus Gilsbach ist Forstwirt, aber die alte Bezeichnung „Holzhauer“ mag er lieber. Das klingt mehr nach Arbeit. Geboren ist er nicht in Oberkirchen. „Ich bin ein Stadtkind“, sagt er. Hubertus ist in Schmallenberg geboren, das liegt ein paar Kilometer weiter und hatte damals um die 20.000 Einwohner. Hubertus hat zwei Schwestern und einen Bruder. „Übernimmst Du die Forstwirtschaft?“, fragte ihn der Vater. Er sagte ja und machte die Lehre. Heute hat er immer noch 80 Hektar Wald, inzwischen produziert er Wärme aus nachwachsenden Rohstoffen, vor allem Fichten. Damit versorgt er in Oberkirchen Privatwohnungen, vier Gastronomiebetriebe und das „Haus auf der Insel“ – eine Heimstatt für Menschen mit Behinderungen.

Um den Hals trägt Hubertus Gilsbach eine schmale Krawatte aus dunklem Eichenholz. Sie besteht aus mehreren Elementen und wird von Bändern zusammengehalten. Gilsbachs wunderbares Wort dafür lautet „gummigelagert“. Die Krawatte trägt er seit 40 Jahren, gekauft hat er sie bei einem Sägewerker. Wer Eiche nicht mag, kann auch eine in Nussbaum oder Ahorn bekommen. Hinten kann man Adressen und Telefonnummern draufschreiben und später wieder wegschmirgeln.

Michael Waltenbergs Praxis liegt an der Alten Poststraße, mitten in Oberkirchen. Ein paar Meter weiter verkauft die Familie Henke in ihrem kleinen Supermarkt Westfälischen Knochenschinken aus Eigenproduktion. Der Landgasthof Schütte ist seit 1460 in Familienhand und hat eine köstliche, hausgemachte Bratensülze im Angebot. Dazwischen steht die Dorfkirche St. Gertrudis aus dem 17. Jahrhundert, von außen schlicht, von innen Barock. Links unter der Orgel an einer Säule hängt der Heilige Hubertus, der Schutzpatron der Jagd.

Wir fahren von der Praxis zu den Waltenbergs. Das dauert fünf Minuten, es geht einen steilen Hügel hoch und rechts um eine Spitzkehre, die man nur in zwei Zügen nehmen kann. Ein Unterstand mit Platz für zwei Autos. Doris Waltenberg drückt uns die Hand, sie ist Michaels zweite Frau, er hat sie in der Praxis kennengelernt. Sie kommt aus Winkhausen, einen Ort weiter, und lernte bei ihm Arzthelferin. Jetzt arbeitet sie seit 27 Jahren in der Praxis, nur ein paar Jahre weniger als er selbst.

Hubertus Gilsbach ist das erste Mal verheiratet, für seine Frau Saowanee ist es schon das dritte Mal. Sie stammt aus Thailand und hat aus den ersten Ehen je einen Sohn mitgebracht. Ich frage nicht weiter, als sie erzählt, dass es mit dem letzten Gatten Probleme gab. Aber einen Satz sagt sie von sich aus: „Hubertus hat mir geholfen und mich geschützt“. Wer ihn sieht, glaubt das sofort. Mit Hubertus Gilsbach legt man sich nicht an.

Saowanee ist ein herzlicher, offener Mensch. Man darf sie auch „Nee“ nennen, das spricht sich „Nie“ aus. Hubertus sagt einfach „Mama“ zu ihr. Ihrem älteren Sohn Nattan hat er davon abgeraten, Holzhauer zu werden. „Wer sein Leben lang die Motorsäge am Knie hat, der kann doch nicht ganz dicht sein“, meinte er. Nattan hat eine Lehre als Mechatroniker angefangen.

Doris Waltenberg über die Arbeit als Arzthelferin

Bei den Waltenbergs im Esszimmer gibt es Kaffee und Kuchen und später Abendbrot mit Wildschweinsalami. Wir sprechen viel miteinander und schauen dabei auf Geweihe. 2014 hat Michael Waltenberg vier Rehböcke und ein Wildschwein geschossen. An der Wand rechts hängen ausgestopfte Tiere: der Steinbock aus der Mongolei, daneben Auerhahn und Berghuhn. Links erheben sich Geweihe von Elch und Hirsch, dazwischen ein Schneehuhn. Auch die Lampe über dem Tisch besteht aus Geweihen, gehalten von einer schwarzen Kette mit fünf Energiesparlampen.

Doris Waltenberg zeigt uns ein Foto, auf dem sie ein Reh aus der Decke schlägt. So sagt man – aber nur beim Reh- und beim Rotwild. Bein Wildschwein heißt es „abschwarten“, beim Kaninchen „abbalgen“. Gemeint ist immer das Gleiche: Das Fell muss runter. Und noch ein Wort lernen wir, es lautet „Schweinesonne“. So heißt in der Jägersprache der Mond.

Zum Abendbrot kommt Hubertus Gilsbach dazu. Neben seiner Holzkrawatte trägt er ein grün-weiß kariertes Oberhemd und einen grünen Filzhut mit Kordel. Er hat den breiten, westfälischen Akzent in der Stimme und sagt „getz“ statt „jetzt“. Er lacht gern und viel. Michael Waltenberg hat genauso viel Humor, ist aber stiller und nicht so direkt. In seiner Stimme liegt kaum ein Akzent, und er spricht langsamer, macht mehr Pausen. Das hat mit dem Schlaganfall zu tun. Danach konnte er monatelang überhaupt nicht sprechen.

Das Haus mit der Praxis gehört einer Erbengemeinschaft und soll verkauft werden. Die Zeit wird knapp. Es gibt Interessenten in Oberkirchen, einen Unternehmer und eine Initiative. Sie wollen die Praxis erhalten. Aber selbst wenn sie das Geld aufbringen, ist damit noch kein Nachfolger gefunden. Das benachbarte Krankenhaus „Kloster Grafschaft“ könnte eine Lösung sein. Es baut ein dezentrales MVZ auf, ein „Medizinisches Versorgungszentrum“ mit Fachärzten im Umland. Da würde ein Allgemeinmediziner gut hineinpassen. Aber Michael Waltenberg ist nicht der einzige, der in Frage kommt.
Hubertus Gilsbach hat den Waltenbergs schon vor Jahren den Garten freigelegt. Danach konnte Doris morgens wieder Zeitung lesen, ohne das Licht anzumachen. Außerdem beliefert er seine Freunde mit Hackschnitzeln, denn die Waltenbergs haben eine eigene Biomasse-Anlage. Ihr Haus war zu weit weg für sein Nahwärmesystem unten im Dorf. Das Hackschnitzel-Depot von Hubertus Gilsbach liegt nicht weit hinter dem Ortsausgang. Noch weiter hinaus liegt seine „Villa Forest“. Dort dürfen wir heute schlafen.
„Die Navis finden das nicht“, sagt Hubertus Gilsbach fröhlich, als wir uns vom Landarzt und seiner Frau verabschieden und in seinen Wagen steigen. Es geht eine Weile bergauf, bis rechts ein Feldweg abzweigt. Ein Stück wieder hinab, und in der Dunkelheit vor uns taucht das Anwesen auf. Es ist ein großes, altes Haus am Hang, längs zum Weg, daneben eine kleine Hütte, hinter der es schon dampft. Der Hot Pott. Dann kommt nur noch der Abhang, unten im Tal fließt der Waldsiepen, ein Nebenfluss der Lenne. Es klingt tief, und sehen können wir nichts.

Als erstes zeigt uns Hubertus Gilsbach die Granatspuren. Gleich hinter der Eingangstür, unten auf den historischen Bodenkacheln: kleine, graue Macken, Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Ganz zu Anfang wohnte hier eine Bauerstochter, die ein uneheliches Kind erwartete und darum vom Vater hierher verbannt wurde. „Getz trinken wir erstmal eine Flasche Bier“, hatte Hubertus Gilsbach gesagt, bevor er uns das erzählte. Das Bier steht vor der Haustür und ist eiskalt.15 Minuten später sitzen Dirk und ich im Hot Pott. Draußen liegt noch Schnee, es sind minus zwei Grad. Drinnen im Bottich ist es pullewarm. Mit dem Plastikpaddel rühren wir um. Im Haus brennt der Kamin, auch den hat Hubertus noch angemacht. Mit Bierdeckeln.

Am nächsten Morgen bringen er und seine Frau uns Frühstück mit frischen Brötchen und Kaffee. Der Hot Pott draußen ist immer noch warm. Nachher fahren wir nach Oberkirchen in die Praxis. Am Empfang sitzt Doris Waltenberg, ihr Mann hat Sprechstunde und sagt Sätze wie „Die kleine Eiterbeule müssen wir aufmachen“. Dem Patienten, einem zugezogenen Düsseldorfer, ist das einerlei. Er hat Vertrauen zu seinem Arzt, und der Splitter im Daumen musste raus.

Die Patienten sagen sowieso alle das Gleiche, es ist auch egal, wen man fragt: Für die Menschen in Oberkirchen ist Michael Waltenberg ein Teil der Familie geworden. Ist die Oma krank, fragt er immer auch, wie es Mutter und Tochter geht. Sind die Kinder krank, fragt er nach den Großeltern. Im Wartezimmer macht eine ältere Dame die Geste nach, wenn der Doktor ihr auf den Arm klopft und sagt „Och ja, Hildegard, das kriegen wir schon.“ Sie schaut wehmütig, als sie sagt: “Das braucht man manchmal“.

8 Kommentare

  1. Gilsbach Hubertus 19. März 2015 um 15:52 Uhr- Antworten

    Ein HALLO an euch ZWEI,

    habt angenehm und ERLICH geschrieben !

    Meine Familie Gilsbach möchte sich hiermit bei zwei netten Wanderen bedanken.

    Ein wiedersehen mach Freude.
    MfG und gutem Gelingen der Tour Hubertus Gilsbach

  2. Werner u.Hiltrud Hessmann 19. März 2015 um 23:49 Uhr- Antworten

    Wir möchten uns bei der Familie Waltenberg bedanken für die viele Hilfe in den vergangenen Jahren . Wir fühlten uns immer sehr wohl das kann niemand ersetzen.

  3. Michael Hoeldke 20. März 2015 um 23:23 Uhr- Antworten

    Wirklich eine wunderbare lebendige Geschichte. Und was mir auffällt: Wieder mal sehr appetitlich (Wildschweinsalami). Genau an der Stelle, an der man beim Lesen Appetit kriegen muss!

  4. Barbara Goeddecke 20. Juli 2015 um 12:19 Uhr- Antworten

    Hallo Hubertus!
    Ein sehr schöner und gut geschriebener Bericht über euch!
    Wünsche dir und Dr.Waltenberg alles Gute!
    Hoffe für Oberkirchen und Umgebung das sich ein Nachfolger findet(schwer zu ersetzen so ein toller Arzt)!
    Alles Liebe ,dir und Familie( wir sehen uns ja ab und zu )Ganz bes.freue ich mich aufs Klassentreffenjubiläum. 2016! LGBarbara

  5. Annette Pett-Hufschmidt 14. Oktober 2015 um 17:26 Uhr- Antworten

    Ich bin zufällig auf dieser Seite gelandet und habe mit Spannung diesen so frisch geschriebenen Bericht gelesen.Mit Bestürzen musste ich aber auch über den Schlaganfall von Michael lesen.Ich hoffe es geht im so weit wieder gut. Das er keinen Nachfolger gefunden hat macht mich auch sehr traurig,obwohl so einen Arzt mit Leib und Seele würde es sowieso nicht mehr geben..
    GGL Grüsse an den Michael von einer Pharmareferentin aus seiner kurzweiligen Heimat Schalksmühle. Ich hoffe er kennt mich noch ( ein gemeinsamer Bekannter ist Gerd Brandt )und ich drücke ihm und seiner Familie für seinen wohl verdienten Ruhestand alles erdenklich gute vor allen Dingen GESUNDHEIT.

    Ganz liebe Grüsse
    Annette Pett-Hufschmidt

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