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Der Traum vom Leben

Autor: Joerg-Christian Schillmoeller
Fotos: Dirk Gebhardt

3. Februar 2015

Ein Erlebnis, zwei Geschichten. Wir haben das Treffen mit den syrischen Flüchtlingen zusammen erlebt, nur unsere Perspektiven waren andere. Daher haben wir die Reportage zweimal, mit verschiedenen Texten geschrieben. Es folgt der Text von Dirk Gebhardt.

Eine Männer-WG in der deutschen Provinz. Das Besondere: Sie sind nicht freiwillig hier. Geflohen vor dem unerbittlichen Bürgerkrieg in Syrien, haben fünf Männer und zwei Jungen Asyl gefunden im Anbau einer Mehrzweckhalle. In Untätigkeit verharren vor ihren Mobiltelefonen und versuchen Kontakt zu ihren Familien, ihrer Heimat zuhalten. Für 16 Stunden sind wir ihre Gäste.

Etappe:
Hans streckt mir sein 6-Zoll-Smart-Phone entgegen. Zehn Kinder im Alter von fünf Monaten bis zwölf Jahren sitzen zusammengedrängt auf einem cremeweißen Zwei-Sitzer-Sofa. Mit seinen zwei Brüdern floh Hans nach Deutschland. Liebevoll zählt er die Namen der Kinder auf. Alle sind noch in Syrien oder der Türkei, auch die Frauen und ein weiterer Bruder. Der sitzt verstört in einem Zimmer in der Türkei. Lokale Kriegsherren entführten ihn vor kurzem, um Lösegeld zu erpressen. Er sitzt auf dem Boden mit seiner jüngsten Tochter im Arm und weint den ganzen Tag. Wenn sie telefonieren, kein Wort über die Tage der Gefangenschaft – nur Schluchzen.
Hans stehen die Tränen in den Augen. Zu zweit rauchen sie auf der Terrasse der ehemaligen Hausmeisterwohnung. Er und Peter unterhalten sich auf Kurdisch. 22:30 Uhr, die Stimmung kippt. Vier Stunden, 300 Zigaretten und 46 Tee lang haben wir uns unterhalten, unterbrochen nur von dem andauernden Piepsen und Glucksen der ständig aktiven Mobiltelefone.

Die sieben Männer – Kurden, Araber und ein Christ – schildern ihre Erlebnisse. Verhaftet, auf der Straße, im Geschäft oder zu Hause. Von wem – macht keinen Unterschied für sie. Syrische Armee, Deserteure, Nusra-Front oder IS. Wir wissen jetzt, wie mit Metallrohren systematisch Finger gebrochen werden. Beine, Hände und Köpfe werden uns hingestreckt, Schnittwunden, Hämatome, Brandwunden und Finger mit ausgerissenen Fingernägeln gezeigt.

Sobhi Tawfik besingt Aleppo

Mit den Worten „Mein Sohn hat doch nichts getan, besser ich als er“ berichtet Frank, wie er zusammen mit seinem 17-jährigen Sohn Michael auf der Straße verhaftet wurde, weil er zur Eigensicherung ein Gewehr im Auto mitführte. Auf der Polizeiwache wurden sie von mehr als zwanzig Polizisten mit Stuhlbeinen, Ledergürteln und Gewehrkolben begrüßt. Peter versuchte, seinen Altesten – gerade einmal 17 Jahre alt – mit seinem eigenen Körper zu schützen.
„Wenn sie sehen, dass du Kurde bist, ist dein Leben nichts mehr wert“. Anschließen wurde er 33 Tage in eine Zelle gesteckt. 40 Männer auf neun Quzadratmetern, beim Schlafen die Füße der anderen im Gesicht. Morgentoilette im Lichtstrahl der Türritze – Klamotten runter, Läuse und Flöhe entfernen, alles wieder anziehen.

Begonnen hat der Abend mit einem freundlichen „Marhaba“. Joachim, schwarzes gewelltes Haar, 15 Jahre alt, öffnet uns freundlich die Tür. Betonpraktische Hausmeisterwohnung im Anbau einer Sporthalle in der deutschen Provinz. Raufasertapeten in allen Räumen, Wandfarben von weiß bis hell-grün. Joachim führt uns durch den kurzen Flur in das riesige Wohn-Esszimmer. Kochdüfte kommen aus der kleinen Küche. Dort steht Siegfried, hantiert mit drei Töpfen und diversen Schüsseln. Um 17:30 Uhr ist das Abendessen beinahe fertig. Hähnchenschenkel, Bulgur, Reis, syrische Linsensuppe und Damaszener-Salat mit Zitronen-Vinaigrette. In seiner Heimat besaßen Siegfried und seine Familie vier Restaurants in zwei Städten. Er zeigt uns Handybilder – Garten mit Brunnen, edle Holztäfelung und tiefe gemütliche Holzsessel und Tische.

 

Die Flucht nach Deutschland – Zu Fuß 3.000 KM

Die Frau vom Amt für Jugend, Bildung und Soziales sitzt im samtgrünen Sessel im Wohnzimmer. Die Möbel sind zusammengewürfelt. Alles, was bei den Nachbarn nicht mehr gebraucht wurde, Sitzgarnitur samtgrün, Kieferkommode für Ikea-Geschirr und Besteck. Zweitüriger Kleiderschrank, noch eine Kommode mit einem riesigen Röhrengerät darauf. Stühle gibt es in vielen Varianten, von Kunstleder mit Stahl bis gedrechseltem Holz mit Stoffbezug.
Die Amtsfrau ist freundlich zurückhaltend. Ungefähr 130 Flüchtlinge wurden der Kommune mit 35.000 Einwohnern zugewiesen. Es fehlen der Stadt die Strukturen. Sie wurden abgebaut in den Jahren mit wenigen Flüchtlingen. Jetzt wird auch eine stillgelegte Pension angemietet, um alle unterzubringen. Die herzliche Einladung zum Essen lehnt sie ab, ihre Jungs müssen noch in der Mehrzweckhalle trainiert werden.

Wir setzen uns an den gedeckten Tisch, schon zur ersten Portion lernen wir die orientalische Gastfreundlichkeit kennen. Zuvorkommend, aber bestimmt wird uns danach eine großzügige zweite Portion auf den Teller gelegt. Die dritte können wir zum Glück ablehnen. Abräumen dürfen wir nicht. Die Männer bestehen darauf, dass wir uns auf das Sofa setzen und Tee trinken. Der uns selbstverständlich in kleinen Gläsern mit Unterteller serviert wird.

Nur Matthias spricht Englisch. Er ist 46 Jahre alt, nach Deutschland ist er zu Fuß gekommen – 3.000 Kilometer. Erst mit einem überfüllten Schlauchboot über die Ägäis, dann Griechenland, Mazedonien, Serbien. Erste Verhaftung, zurück nach Mazedonien. Warten, wieder über die Grenze, diesmal schafft er es bis Ungarn. Verhaftung, Flucht um nicht in Ungarn Asyl beantragen zu müssen. Die Bedingungen dort sind unmenschlich sagt er. Drei Monate dauert die Reise, Kosten 9.000 Euro.

 

Flucht unter einem LKW

Es klingelt. Ein Bruder von Hans kommt mit seinen beiden Söhnen. Er hat einige Jahre in Deutschland gelebt, bevor er 2004 zurück nach Syrien ist. Sein Deutsch ist gut. Mit seiner Hilfe wird die Stimmung entspannter. Unterhalten ohne Google-Translator ist wesentlich spontaner und menschlicher. Gelöst erzählen alle ihre Fluchtgeschichten. Es sind Abenteuerromane, teilweise heroisch, immer spannend und alle mit Happy End. Für 12.000 Euro ist Reinhold in einem Metallverschlag unter einem türkischen Fischtransporter von Istanbul nach Deutschland gekommen. Zu zweit, liegend, vier Tage und Nächte. Raus durften sie nur Nachts. Zehn Minuten auf Toilette gehen und essen. Auf Nachfrage sagt er: „Ich hatte Todesangst, die ganze Zeit“.
Siegfried bringt uns Obstsalat mit Sprühsahne und Honig. Tee wird ständig serviert, abwechselnd sitzen die Männer an einem ovalen Holztisch, stopfen Zigaretten mit einer Maschine. Tabak rein, zumachen, Hülle rechts angelegt und Hebel nach links ziehen – fertig. Geraucht wird ununterbrochen, beim Sprechen, smsen und trinken. Wir erfahren alles, über Kinder, Familie ihr Leben in der Heimat. Hochzeiten, Geburten, Poolparties und Pokerrunden, aber auch über Verfolgung, Bedrohung, Folter und Flucht. Alle haben einen Beruf, sie wollen arbeiten, sofort und viel. Geld verdienen, die Familien nachholen, sparen und sobald der Krieg zu Ende ist zurück in die Heimat.

Syrische Frühstückssuppe

Fünfzig Jahre werden sie brauchen, um die Kriegsschäden wieder aufzubauen schätzt Matthias. Gerne mit Hilfe von deutschen Firmen. Sie verstehen nicht, warum sie hier zum Nichtstun verdammt sind. Reinhold ist anerkannt, er zeigt uns Post vom deutschen Sozialamt auf deutsch. Sein Sprachkurs hat erst vor einer Woche begonnen, lesen kann er den Brief nicht, auch wenn sein „Guten Tag“ schon fast akzentfrei klingt. Wir weisen ihn darauf hin, das er bis zum 31.01.2015 einen Krankenversicherungsnachweis abgeben muss. Hätte er fast übersehen.

Dann sind alle müde. Hans hat sich beruhigt. Wir versichern, ihnen keine Namen und Orte zu nennen. Siegfried spielt Musik von seinem Handy ab. Eine Hymne an das Weltkulturerbe Aleppo von dem libanesischen Sänger Sobhi Tawfik. Die Männer werden melancholisch, wippen sachte mit den Füßen, mir kommt es vor als wenn sich in diesem Moment ihr Heimweh materialisieren würde.

 

Traditionelle kurdische Musik

Wir gehen zu Bett. Jede Wand in unserem Raum hat eine andere Farbe, blau, gelb-grün und lila. Die Matratzen sind bequem, unsere Schlafsäcke zu warm, die Heizung lässt sich nicht runterregeln. Das Heimweh unserer Gastgeber nehme ich mit ins Bett und auch den vielleicht etwas pathetisch klingenden Satz: „So lange der letzte gute Mensch nicht verschwunden ist, ist noch nicht alles verloren.“


Wir haben auf Wunsch der sieben Syrer alle Namen geändert und verzichten auf sämtliche Ortsbezüge, um die Familien zu schützen. Den Text von Jörg-Christian Schillmöller könnt ihr hier lesen.

2 Kommentare

  1. Michael Hoeldke 1. März 2015 um 15:36 Uhr- Antworten

    Zeugnis. Wahrscheinlich zu freundlich gezeichnet, um die Verwüstungen in Land und Seelen darzustellen.

  2. Michael Hoeldke 1. März 2015 um 15:37 Uhr- Antworten

    Zeugnis. Wahrscheinlich zu freundlich gezeichnet, um die Verwüstungen in Land und Seelen darzustellen. Aber gut so. Allzu grausames Schildern dient der Darstellung nicht. Lassen wir unsere Kraftreserven denen zugutekommen, die sie brauchen.

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